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Bisexualiät

Wenn sich Bifeindlichkeit und Transmisogynie vereinen

Oft denken Texte über Bifeindlichkeit viele Lebensrealitäten nicht mit. Deswegen habe ich mir für den „Bi Visibility Day“ ein weniger repräsentiertes Thema herausgepickt.


Bifeindlichkeit wird vielerorts nicht ernst genommen. Denn Bisexualität wird vielerorts, sowohl in der queeren Community als auch in der Heterowelt, nicht ernst genommen. Deswegen ist es gut und wichtig, dass darüber gesprochen wird. Ich habe in letzter Zeit häufiger Artikel über Bifeindlichkeit gelesen, während vor einigen Jahren noch gähnende Leere herrschte. Es tut sich was und das ist gut. Aber na ja, es reicht nicht bloß die gängigen Vorurteile abzuklappern und drei Sätze zur Unsichtbarkeit einzubauen. Denn damit ist längst nicht alles zum Thema Bifeindlichkeit gesagt. Zum diesjährigen Bi Visibility Day habe ich mir  deswegen ein weniger repräsentiertes Thema herausgepickt:

Wie die Transmisogynie, die gegen meine Freundin gerichtet ist, auch meine Erfahrungen als Bisexuelle beeinflusst.

Ich bin bigender und mit einer trans Frau zusammen. Da ich die meiste Zeit damit okay bin als Frau wahrgenommen zu werden (denn ich bin bigender und AUCH eine Frau) und zur Vereinfachung, werde ich im weiteren Verlauf des Textes von mir als Frau sprechen.

Dass ich als bisexuelle Frau mit einer anderen bisexuellen Frau zusammen bin, die trans ist, beeinflusst, wie ich Bifeindlichkeit erlebe. Oft scheinen Texte über Bifeindlichkeit davon auszugehen, dass entweder alle Bisexuellen cis sind, die Cissen daten oder als wäre Bifeindlichkeit immer gleich.

Ich bin nicht von Transmisogynie betroffen, trotzdem beeinflusst die Transmisogynie gegen meine Freundin, wie mich bestimmte Vorurteile treffen, wie sich Unsichtbarkeit auf mich auswirkt. Ich habe bislang nicht darüber geschrieben, weil die Stimmen Betroffener wichtiger sind und ich keinen Raum einnehmen wollte. Doch nach einem langen Gespräch mit meiner Freundin stellte ich fest: Es ist ein Teil meiner Erfahrung als Bisexuelle und gehört somit in den Pool bisexueller Lebensrealitäten, über die man mal öfter sprechen könnte.

Bi-Erasure und Misgendering

Jede Form von Bi-Erasure ist gewaltvoll. Wenn ich als lesbisch bezeichnet werde, weil ich mit einer Frau eine Beziehung führe: Bi-Erasure. Wenn ich als hetero gelte, weil ich mit einem Mann zusammen bin: Bi-Erasure. Diese Form der Unsichtbarmachung funktioniert über das Geschlecht der Partnerperson. Man kann die sexuelle Orientierung einer Person nicht an ihrer Beziehung ablesen. Das wird ständig gemacht, worunter vor allem nicht-monosexuelle Menschen leiden.

Die Form von Bi-Erasure, die mich trifft, ist allerdings anders, denn sie funktioniert vor allem über das Misgendering meiner Partnerin. Sage ich jemandem, dass ich bisexuell und mit einer Frau zusammen bin, wird der Mensch mir in aller Regel nicht die Queerness absprechen – denn er denkt nur an Cis-Frauen. Er wird sich höchstens fragen, warum ich mich nicht „einfach“ als lesbisch bezeichne. Es ist Bi-Erasure, aber nicht zu vergleichen mit dem, was passiert, wenn ich sage, dass ich als Bisexuelle mit einer trans Frau zusammen bin: Menschen fragen, ob ich mit meiner Freundin vor oder nach ihrer Transition zusammen gekommen bin. Welchen Intimbausatz sie denn hat. Ob ich mich vor ihrer Transition schon als bisexuell bezeichnet habe. Ob ich denn jemals „Sex mit einer Frau“ hatte. Letzteres fragen sie, obwohl ich eben von meiner Freundin erzählt habe.

Diese Fragen sind Versuche abzuchecken, ob ich ein Fake bin, weil eine Beziehung mit einer trans Frau aus transmisogyner Sicht nicht ausreicht. Ich muss eine Cis-Frauen-Romanze vorzeigen, damit ich den Test bestehe. Bisexuelle Frauen stehen unter Generalverdacht aufmerksamkeitssüchtige Heteras zu sein. Füg das mit der Transfeindlichkeit zusammen und was kommt heraus? Bibbidi-babbidi-busch: Meine Identität wurde auf doppeltem Wege wegradiert.

Die Frage nach der Transition meiner Partnerin rührt daher, dass Menschen nach einer „authentischen“ Coming-Out-Geschichte suchen. Authentizität ist dabei gefährlich nah an Cisnormativität. Die Logik: Wenn ich meine Freundin vor ihrer Transition kennengelernt habe (check), dann zählt das nicht richtig, weil ich ja nicht „absichtlich“ mit einer Frau zusammengekommen bin. Es zählt erst recht nicht, wenn ich mich am Anfang der Beziehung noch nicht als bisexuell identifiziert habe (check). Es wird davon ausgegangen, dass eine Änderung meiner Selbstbezeichnung nur der Partnerin zuliebe gemacht wurde, die Bisexualität aber eigentlich nicht „echt“ ist.

Diese Infragestellung passiert nie, wenn sich Cis-Frauen ineinander verlieben. Es kommt ständig vor, dass vermeintlich heterosexuelle Cis-Menschen „unabsichtlich“ in gleichgeschlechtlichen Beziehungen landen und ihre Labels überdenken. In diesem Fall ist das allerdings „echt“ und eine „authentische“ Selbstfindungsgeschichte. In meinem Fall reicht eine Beziehung mit einer Frau nicht aus und ich bezeichne mich höchstens „meiner Freundin zuliebe“ als bisexuell. Hallo, trans- und bifeindlicher Doppelstandard.

Ich bin in einer Facebookgruppe für Partner*innen von trans Personen. Dort habe ich eine Umfrage gestartet: Ich habe Cis-Frauen, die mit trans Frauen zusammen sind, gebeten ihre sexuelle Orientierung anzugeben. Die Mehrheit war nicht-monosexuell, also bi, pan, omni, poly/ply usw. Für einige war tatsächlich die Transition der Partnerin der Auslöser die eigene sexuelle Orientierung zu hinterfragen: Sie erzählten, dass sie schon lange geahnt haben bisexuell zu sein, doch erst durch die Transition ihrer Partnerinnen war der Raum da sich mit der eigenen Sexualität zu beschäftigen. Dieser Questioning-Prozess ist genauso legitim wie jede „Ich hatte einen Crush auf Ruby Rose“-Geschichte. Ich finde es traurig, dass das überhaupt einer Erklärung bedarf.

Die bisexuellen Frauen in der Facebookgruppe, genauso wie diejenigen, die „questioning“ oder „no label“ angegeben haben, drückten in den Kommentaren ihre Ambivalenz mit der LGBT-Community aus. Alle vereinte das Gefühl nicht genug zu sein. Die lesbischen Cis-Frauen waren hingegen selbstsicherer. Sie wurden gefragt, ob ihnen das Lesbischsein wegen ihrer Partnerinnen abgesprochen wurde. Alle antworteten, dass es durchaus transmisogyne Pissnelken gäbe, allen voran TERFs, die das täten. Jedoch könnten sie dem einfach entgegnen, dass sie ja lesbisch sind: Frauen, die auf Frauen stehen. Das könne man nicht falsch verstehen. Das können bisexuelle Cis-Frauen transmisogynen Pissnelken jedoch nicht entgegnen. Ich kann nicht behaupten nicht auf Männer zu stehen. Genau das nutzen TERFs aus. Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass es auch Cis-Frauen in Beziehungen mit trans Frauen gibt, die sich (noch1) als hetero verstehen. TERFs wissen das und haben mit dieser Info obendrauf ein sehr leichtes Spiel mir meine Bisexualität und meiner Freundin ihr Frausein abzusprechen.

Die Tatsache, dass ich auch auf Männer stehe, wird noch auf andere Weisen falsch verstanden und gegen mich und meine Freundin genutzt. So sagte ein ehemaliger Kollege nach meinem Coming-Out am Arbeitsplatz: „Ich habe das mit dir verstanden: Du stehst auf beides und deine Freundin ist beides!“


Paul'a
Ergebnisse der Facebook-Umfrage (anonymisiert)

Zwischen Unsichtbarkeit und Hypersichtbarkeit

Der Antagonismus gegen trans Frauen ist heftig und vermischt sich leicht mit Bifeindlichkeit. Ich kann nicht genau sagen, ob mir mein Vater prophezeit hat HIV zu bekommen oder „auf die schiefe Bahn“ zu geraten, weil ich mich als bisexuell geoutet habe oder, weil ich ihm von dem Transsein meiner Freundin erzählt hatte. Seine Besorgnis, dass ich in meiner Beziehung psychische Gewalt erfahren oder während der Transition auf die Rolle der Supporterin reduziert werden könnte, entspringt wahrscheinlich transfeindlichen Vorstellungen.

Anders als Cis-Frauen, die mit Cis-Frauen zusammen sind, habe ich vor meiner Familie und neuen Bekanntschaften nicht nur Angst, dafür diskriminiert zu werden, wen ich liebe, sondern die alleinige Existenz dieser Person ist ein Problem. Ich vermute, dass meine Oma mein Outing als bisexuell verkraften würde. Wenn es aber um trans Frauen geht, sind die Negativbilder so stark, dass Outing einfach keine Option ist. Ich muss traurig lächeln, wenn mir Cis-Lesben erzählen, dass sie mit ihren Cis-Partnerinnen bei ihren heteronormativen Familien waren und so getan haben, als wären sie nur befreundet …

Diese Kombination aus Unsichtbarkeit und der Hypersichtbarkeit meiner Freundin ist nichts im Vergleich zu dem, was trans Frauen durchmachen, aber trotzdem kräftezehrend. Ich fühle mich selten repräsentiert, wenn ich Erfahrungen bisexueller Menschen recherchiere. Dabei bin ich nicht die erste und nicht die letzte, die in so einer Beziehungskonstellation lebt.

Braucht die Welt wirklich einen weiteren „5 Mythen über Bisexuelle“-Artikel?

Das klingt natürlich etwas provokant. Ich wünsche mir einfach, dass mehr Menschen sich trauen weiterzublicken, wenn sie das Thema Bifeindlichkeit behandeln. Es gibt noch so viele Leerstellen! Einige möchte ich mit weiteren Blogartikeln füllen: Als nächstes werde ich mich mit der Verschränkung von Polyamorie und Bisexualität beschäftigen, insbesondere mit den Aspekt des Re-Closetings. Das Phänomen in den Schrank zurückgedrängt zu werden, erleben vor allem verheiratete, monogame Bi-Paare: Wenn sie dauerhaft in
Hetero-Konstellationen leben, werden ihre Bisexualität und Queerness unsichtbar gemacht. Das kann aber auch Polyams passieren.

Darüber hinaus gibt es noch so viele Themen, mit denen sich andere viel besser auskennen, die mehr Beachtung verdient haben: Die alarmierenden Zahlen zur häuslichen Gewalt, die bisexuelle Frauen erleben oder zu der mentalen Gesundheit Bisexueller. Apropos mentale Gesundheit: Internalisierte Bifeindlichkeit könnte man auch genauer beleuchten.
Nicht zu vergessen die Kehrseite der Medaille zu diesem Artikel: Wie trans Frauen die hässliche Kombination aus Bi- und Transfeindlichkeit erleben.

Versteht meinen Artikel daher als Denkanstoß, liebe fellow Bi-Aktivist*innen, Blogger*innen und Journalist*innen: Wenn ihr das nächste mal einen Artikel über Bifeindlichkeit schreiben wollt, fragt euch, ob die Welt wirklich einen weiteren „5 Mythen über Bisexuelle“-Text braucht, oder ob nicht ein anderer Aspekt etwas mehr Beachtung verdient hat.


Links & Literatur:


1. „noch“, weil einige Teilnehmerinnen der Umfrage „straight“ angeklickt haben, aber in den Kommentaren deutlich wurde, dass sie sich aktuell in einer Questioning-Phase befinden. Eine Person flirtete mit dem Begriff „heteroflexibel“, den sie vor der Umfrage nicht kannte. Aus diesem Grund nehme ich an, dass unter denjenigen, die „straight“ angeklickt haben, auch einige sind, die sich auf dem Bi-Spektrum befinden. Meine ganz ehrliche unpopular Opinion dazu ist aber eigentlich, dass sich ALL diese „Heteras“ auf dem Bi-Spektrum befinden: Schließlich sind sie mit Frauen zusammen. Streitet euch mit mir in den Kommentaren, wenn ihr unbedingt müsst. ¯\_(ツ)_/¯

Bildquelle(n):

  • Ergebnisse der Umfrage auf Facebook: Paul'a
  • Bi+Trans-Flagge: Michael Page, Monica Helms | Public Domain Mark 1.0

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