Blaues Gesicht, rotes Gesicht
Abuse & Trauma,  BDSM,  Sexpositivismus

Consent und Trauma

In einem Consent-Workshop sollte ich sagen, was ich gerade (nicht) will. Doch ich war blockiert und von meinen Gefühlen entfremdet. Warum erschwert Trauma das Grenzensetzen und, wie kann ich (und Consent-Workshopsleiter*innen) damit umgehen?


Ich bin auf einer Kuschelparty in Berlin. Ein paar Hippies und Hedonist*innen haben eine Loft dafür angemietet. Ich bin noch nicht ganz angekommen – ein wenig irritieren mich die Leute. Viele kennen sich untereinander und quatschen als wären sie auf einer Homeparty. Ich kenne niemanden bis auf eine Person, die noch nicht da ist. Ich erfahre, dass es einen Consent-Workshop gibt. Da ich die Idee super finde, nehme ich teil. Vielleicht ist das ja ein guter Weg ein paar Leute kennenzulernen?

Die Workshop-Leiter*innen erklären nach einer Einführung die erste Aufgabe: Den Arm der Person, die neben einem sitzt, streicheln und bei jedem Schritt kommunizieren, ob das so angenehm ist, anschließend wird getauscht. Als meine Sitznachbarin an der Reihe ist meinen Arm zu streicheln, fragt sie mich, ob das, was sie macht so in Ordnung ist, oder ich etwas anderes möchte. Ich kann die Frage nicht beantworten, horche in mich rein, atme tief ein und aus, schließe die Augen und öffne sie wieder. Ich finde keinen Zugang zu dem Gefühl und merke, wie ich davon gestresst werde.

Es ist nicht so, dass mir die Berührungen gleichgültig wären, denn das wäre ein eindeutiges Empfinden. Dann könnte ich sagen, dass mir gerade egal ist, wie sie mich berührt. Es fühlt sich eher so an als sei an der Stelle, wo bei anderen Menschen die Wahrnehmung der körperlichen Grenzen und des Empfindens liegt, bei mir ein blinder Fleck.

Ich weiß, dass ich theoretisch genau das, was ich jetzt durchmache meiner Workshop-Partnerin sagen könnte. Aber ich kenne sie erst seit ein paar Minuten und habe Hemmungen davor mich vor ihr verletzlich und mit Dachschaden zu zeigen. Außerdem ist die Zeit für die Aufgabe gleich vorbei und ich gerate in Zeitdruck. Also starre ich auf meinen Arm wie auf einen Fremdkörper und nicke, dass schon alles so in Ordnung sei.

Bei der nächsten Aufgabe sollen wir einander massieren und dabei unsere Workshop-Partner*innen anleiten. Als ich an der Reihe bin massiert zu werden, weiß ich nicht, was ich sagen soll. Meine Workshop-Partnerin wartet auf meine Instruktionen, aber ich habe wieder keinen Zugang zu meinem Empfinden. Ich gestehe mir ein, dass dieser Workshop – so sinnvoll er für andere Menschen sein mag, nicht für mich ist. Nachdem ich mich überwunden habe, breche ich die Übung ab.

Zu traumatisiert für den Consent-Workshop?

Dieses Erlebnis ist über ein Jahr her. Das Problem keinen Zugang zu meinem Empfinden zu haben, habe ich besonders in sexuellen Situationen immer noch oft. Vor ein paar Wochen habe ich ähnliche Übungen, allerdings ohne Berührungen, auch mit meiner Therapeutin gemacht. Ich stellte mich mitten in den Raum und sie ist um mich herumgelaufen, ist nah an mich herangetreten, hat sich wieder entfernt usw. Das einzige, was ich machen musste war meine Grenze äußern, wenn sie mir zu nah kam. Am Ende der Stunde fing ich an zu weinen, weil mich die Aufgabe so aufgewühlt und angestrengt hat.

Daraufhin habe ich versucht nachzuempfinden, was bei mir eigentlich passiert zwischen dem Moment, wo ich ein Bedürfnis oder eine Grenze empfinde(n soll) und dem Moment, wo ich das tatsächlich auch ausspreche. Diese Gedanken möchte ich hier teilen. Ich bin keine Trauma-Expertin und keine Psychologin. Ich will lediglich meine Erfahrungen aufschreiben, in Kontext setzen und Ideen sammeln, wie man damit umgehen könnte und auch, wie ein Consent-Workshop das Thema aufgreifen könnte. Schreibt mir gern in die Kommentare, wenn ihr diese Probleme nachvollziehen könnt und vielleicht sogar selbst kennt. Und falls ihr selbst Consent-Workshops leitet, interessiert mich natürlich brennend, wie ihr meine Ideen findet.

Schritt 1: Die eigene Grenze/das Bedürfnis wahrnehmen

In dem Consent-Workshop bin ich schon an der ersten Hürde gescheitert: Ich konnte einfach nicht wahrnehmen, was ich möchte oder nicht möchte. Ich erkläre mir das so, dass mir durch mein Kindheitstrauma abtrainiert wurde eigene Grenzen wahrzunehmen. Vielleicht war es auch eine „Überlebensstrategie“ mein eigenes Empfinden zu unterdrücken, um mit der Abuse-Situation fertig zu werden.

Wenn ich heute keinen Zugang zu meinem Gefühl habe, dann habe ich selten so klare Gedanken wie jetzt, wo ich diesen Artikel schreibe. Meist nehme ich nur die Leere, den blinden Fleck und meinen Frust darüber wahr. Wenn ich einer Person vertraue, kann ich genau das äußern – aber es erfordert einen Schritt mich verletzlich zu zeigen und zu offenbaren, dass ich gerade etwas nicht kann, was für andere Menschen kein Problem darstellt. Nicht immer gelingt mir dieser Schritt.

Dass ich auf BDSM stehe wird der eine oder die andere vielleicht ungewöhnlich finden, denn wo ist es wichtiger über Grenzen zu sprechen als bei sexuellen Spielarten, die sich hauptsächlich um Machtdynamiken drehen? Ich denke, dass ich BDSM gerade deswegen so reizvoll finde – ich kann mich fallen lassen, die Kontrolle abgeben und meine Grenzen so deutlich spüren wie sonst selten.

Consent zu geben ist hier nicht einfacher oder schwieriger für mich als in anderen sexuellen Situationen. Auch beim BDSM hatte ich schon Schwierigkeiten mein Bedürfnis wahrzunehmen. Die schlimmste Frage, die mir ein*e Partner*in während einer Session stellen kann, ist: „Was willst du gerade?“ Das hat bislang immer nur dazu geführt, dass ich mich von meinen Bedürfnissen weiter entfremdet habe.

Gegen Druck hilft nur die Situation aufzulockern

Was sich hingegen als hilfreich erwiesen hat ist vorher, in ungezwungener Atmosphäre über Bedürfnisse und Grenzen zu sprechen. Das Ampelsystem funktioniert für mich viel besser als ein Safeword: Man sagt „grün“ für „Ja, mehr davon“, „gelb“ für „Ja, aber, nicht doller“ und „rot“ für „aufhören“. Bei dem Ampelsystem muss ich die Frage, ob das schon Safeword-würdig ist nicht erst durch alle Grübelkanäle schicken, sondern kann mich leichter und spontaner ausdrücken: Bevor ich mich fragen kann, ob ich meine Grenze überhaupt spüre, hat sich schon mein Mund bewegt und z. B. „gelb“ gesagt.

In einer Session, wo die Frage „Was willst du gerade?“ fiel und ich überfordert war, war mein damaliger Dom so clever mich loszubinden, mir die Aufgabe zu geben aus seiner Toy-Schublade ein paar Sachen herauszusuchen, während er kurz den Raum verlassen hat. Ich konnte allein durch die Schublade wühlen ohne, dass er hinter mir steht und während ich mir all die Toys angeguckt habe, konnte ich plötzlich ziemlich gut einschätzen, worauf ich Lust hatte und worauf nicht. Es gibt also Wege damit umzugehen – meistens gehört dazu die Situation aufzulockern und ein Szenario zu kreieren, in dem ich mich nicht unter Druck gesetzt fühle nach meinem authentischen Bedürfnis zu suchen.


Wie ein Consent-Workshop das Thema aufgreifen kann

Es würde schon helfen, wenn gesagt wird, dass nicht alle Menschen sofort wissen, was sie (nicht) wollen und, dass das Fragen danach sogar dazu führen kann, dass sie sich weiter von ihrem Bedürfnis entfernen. Eine Übung könnte sich darum drehen den Druck aus so einer Situation herauszunehmen.


Jetzt kommt aber der Haken: Das alles ist schön und gut, funktioniert aber nicht, wenn es jemand auf Grenzüberschreitungen anlegt. Wenn jemand übergriffig ist und ich mich dann versuche zu fragen, ob ich das will oder nicht, haben teilweise schon drei andere Mechanismen gegriffen, die es mir erschweren oder sogar unmöglich machen mich zu spüren.

Schritt 2: Die eigene Grenze ernst nehmen

Und damit bin ich schon beim zweiten Punkt: Nachdem ich es geschafft habe mein Bedürfnis und meine Grenze wahrzunehmen, muss ich sie auch ernst nehmen. In der eben beschriebenen Szene mit dem Dom und der Toy-Schublade, hatte ich kein Problem mehr nachdem die Situation aufgelockert wurde.

Doch, wenn ich in einer Situation mit einer übergriffigen Person bin reicht es nicht meine Grenze wahrzunehmen: Ich schaffe es vielleicht zu spüren, dass ich etwas nicht möchte – teilweise sehr spät, aber ich schalte schnell um und nehme meine Grenze nicht ernst. Stattdessen überlege ich, wie ich diplomatisch aus der Situation herauskomme, ob nicht ein Missverständnis vorliegt, ob ich falsche Signale gesendet habe oder rede mir ein, dass das schon nicht so schlimm sei. Leider ist in mir einprogrammiert, dass es weniger schmerzvoll ist eine Grenzüberschreitungen über sich ergehen zu lassen als eine Grenze zu ziehen. Inwiefern das mit Trauma zu tun hat, liegt wahrscheinlich auf der Hand.

Auch in Situationen mit Menschen, die mir nichts Böses wollten, hatte ich schon Schwierigkeiten meine Grenze und mein Bedürfnis ernst zu nehmen. Wenn ich auf „Was willst du gerade?“ nicht antworten konnte und mein Gegenüber die Situation nicht aufgelockert hat, habe ich stattdessen überlegt: Was will der Mensch, dass ich will? Was würden andere Menschen an meiner Stelle wollen? Ich habe also nicht ernst genommen, dass ich gerade keinen Zugang zu meinem Bedürfnis habe, sondern versucht eine Antwort zu geben, die mein Gegenüber hören will.

People Pleasing macht das Grenzensetzen besonders schwierig

Oft will ich automatisch, bevor ich mir dessen bewusst bin, mein Gegenüber zufrieden stellen – ganz egal ob’s ein übergriffiges Arschloch auf einer Party oder eine Partnerperson ist. Dieses Phänomen wird „People Pleasing“ genannt und ist oft eine Folge von Trauma. Ein anderes Wort dafür ist Fawning: Fawning ist eine F-Reaktion auf gefährliche Situationen, neben Fight, Flight und Freeze. Manche Menschen reagieren auf Gefahr mit „Fawing“ oder „People Pleasing“.

Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie mich ein Typ auf einer sexpositiven Party versucht hat zu überreden mit zu ihm zu fahren und mit ihm und seinem Kumpel zu schlafen. Er hat zwar gesagt „Wenn ich dich nerve, gehe ich wieder“, aber es klang nicht ehrlich und da war ich schon im Fawn-Modus. Ich habe mich von oben beobachtet wie ich gesagt habe: „Nein, nein, du nervst nicht. Aber ich hatte schon genug Abenteuer für heute. Ich bleibe lieber hier.“ Er hat das nicht akzeptiert und mir erklärt, was für eine Frau ich sei und, dass ich so aussähe als hätte ich da eigentlich Bock drauf. Eine andere Person wäre zur Security gegangen und hätte ihn rauswerfen lassen – ich habe ihn versucht zufrieden zu stellen.

Ich bin zwar nicht mitgegangen und habe es geschafft aus der Situation herauszukommen. Aber es war ein schmerzhafter Prozess all diese Schritte zu durchlaufen: Grenze spüren, bemerken, dass ich gerade im Fawn-Modus bin, Grenze ernst nehmen, auf mein „Nein“ bestehen, die Schuld nicht bei mir suchen.

Jetzt ist die Frage: Wie geht man damit um? Meine Therapeutin sagt, ich soll nicht so streng mit mir sein und damit hat sie sicher recht. Deswegen will ich an dieser Stelle den Fokus ein wenig verändern: Nicht die Menschen, die auf Gefahr mit Fawning reagieren und aufgrund von Trauma ihre Grenzen schwerer ernst nehmen können, sind das Problem. People Pleasing bedeutet nicht zu allem „Ja“ zu sagen. Ich habe klar gesagt, dass ich nicht mitkommen will – auf eine deeskalierende Art, bedingt durch People Pleasing. Er hat es nicht akzeptiert. Warum? Weil er es nicht akzeptieren WOLLTE!


Wie ein Consent-Workshop das Thema aufgreifen kann

Ein Consent-Workshop könnte zum Beispiel aufklären, dass jedes „Nein“ akzeptiert werden muss – wie diplomatisch und unsicher es auch klingen mag. Ich habe sogar eine Idee für eine Übung: Man könnte unterschiedliche Texte schreiben, die je eine Grenze kommunizieren. In dem einen Text könnte stehen: „Nein, ich will nicht, dass du mich berührst, lass mich in Ruhe“, in einem anderen könnte stehen: „Ich weiß nicht genau“, „Ich möchte eigentlich nur reden“, „Ich muss noch überlegen“ usw. Eine Person muss die Texte vortragen und die andere muss zuhören. Hinterher wird gebrainstormt, wie man der unsicheren Person Raum geben kann und wie man Bedürfnisse kommuniziert ohne Druck auszuüben.


Ich kann durch Therapie lernen meine Bedürfnisse und Grenzen ernst zu nehmen. Aber die Gesellschaft muss lernen Consent ernst zu nehmen. Es ist schwer in einer Gesellschaft die eigenen Grenzen ernst zu nehmen, wenn einem permanent suggeriert wird, dass „Nein“ eigentlich „Ja“ bedeutet und sogar in Serien für Kinder Witze über Vergewaltigung gemacht werden. Mit Trauma wird diese Aufgabe nur noch schwieriger.

Schritt 3: Die Grenze aussprechen… und was danach geschieht

Wenn ich an dem Punkt bin eine Grenze auszusprechen, habe ich die vorherigen Schritte schon gemacht – und die sind selten einfach. Deswegen habe ich auf die Therapie-Sitzung so emotional reagiert: Ich musste die Schritte im Schnelldurchlauf machen.

Wenn ich merke, dass mir der Raum gegeben wird „Nein“ zu sagen, fällt es mir natürlich leichter das zu tun. Doch auch dann kostet es Überwindung, weil ich immer hinterfrage, ob ich wirklich den Raum habe. Ich frage mich auch automatisch, wie enttäuscht die Person wäre, wenn ich eine Grenze ziehe – womit wir wieder bei People Pleasing sind. Aber das sind Dinge, mit denen ich langsam, aber sicher immer besser umgehen kann. Ich weiß zumindest rational, dass ich „Nein“ sagen darf und mein Gegenüber das trotz möglicher Enttäuschung akzeptieren muss. Problematischer ist das, was danach passiert.

Denn seien wir mal ehrlich: Meistens ist es eine unglaublich undankbare Aufgabe das Grenzensetzen zu üben. Man hat kaum Erfolgserlebnisse. Ich muss immer damit rechnen, dass mein „Nein“ nicht akzeptiert wird und muss mir in so einem Fall hinterher verklickern, dass die Schuld trotzdem nicht bei mir zu suchen ist. Im besten und seltenen Fall werden Grenzen schnell akzeptiert. In allen anderen Fällen ist die Person am Jammern, wenn ich Glück hab, oder wird sogar noch übergriffiger, wenn ich Pech hab. Natürlich gibt es Safer Spaces, in denen man üben kann Grenzen zu setzen: Manche machen das zum Beispiel durch Dungeons & Dragons, was eine saucoole Idee ist. Aber was wäre besser dafür geeignet als ein Consent-Workshop?


Wie ein Consent-Workshop das Thema aufgreifen kann

Ein Consent-Workshop könnte thematisieren, was nach einem „Nein“ passiert. Die Frage ist nicht nur, ob es akzeptiert wird, sondern wichtig ist auch darüber zu sprechen, wie es Menschen geht nachdem sie eine Grenze gezogen haben und welche Reaktion sie sich wünschen. Sinnvoll wäre es diese Menschen im Workshop-Kontext darin zu bestärken, dass es richtig war eine Grenze zu setzen.


Denn nicht immer spürt man das als betroffene Person auch. Ich bleibe auch danach noch ambivalent. Selbst wenn ich rational weiß, dass es mein gutes Recht war, ist in mir einprogrammiert ist, dass ich das nicht darf und mein Bedürfnis zweitrangig ist. Wenn mein „Nein“ nicht akzeptiert wurde, suche ich automatisch bei mir den Fehler. War ich zu direkt? Zu unsicher? Nicht empathisch genug? Ich muss mir erst selbst auf die Finger hauen, um damit aufzuhören.

Das betrifft nicht nur Situationen mit fremden Menschen, sondern auch nahe Beziehungen. Eine meiner Beziehungen ist deswegen zu Bruch gegangen. Ich habe „Nein“ zu Sex gesagt und wollte einfach nur hören, dass es in Ordnung ist, wenn wir nicht miteinander schlafen und es okay ist, dass ich „Nein“ gesagt habe. Stattdessen fing mein*e Ex an mir sein*ihr Bedürfnis nach Sex zu erklären, über ihre*seine Unsicherheit zu reden, Lösungswege zu suchen, wo es keine „Lösung“ gebraucht hätte. Ich habe eine Grenze gezogen, aber hinterher ging es um ihn*sie. Plötzlich fühlte ich mich sehr einsam.

In einem späteren Versuch uns auszusprechen, hat er*sie sich noch weiter erklärt und mir gesagt, dass es ihm*ihr vorher schon nicht gut ging und er*sie sich nicht gesehen gefühlt hat, weswegen alles so passiert ist, wie es passiert ist. Drei mal dürft ihr raten, was mein Gehirn daraus gemacht hat: Weil ich vorher nicht genug emotionale Arbeit geleistet habe, hat er*sie sich nicht gesehen gefühlt und deswegen mein „Nein“ nicht wirklich akzeptiert. Im Umkehrschluss bin also ich Schuld daran, dass meine Grenze nicht wahrgenommen wurde. Uff!

Die körperliche und psychische Unversehrtheit hat Priorität!

Ich möchte betonen, dass ich nicht finde, dass man nicht darüber reden soll, wenn man durch ein „Nein“ verunsichert ist. Aber ich bin sehr wohl der Meinung, dass das Wann und Wie entscheidend ist. Und hier könnte ein Consent-Workshop helfen, um das zu vermitteln: Wenn dein*e Partner*in, womöglich nach viel Überwindung und eventuell sogar mit Trauma-Background, gerade eine Grenze gezogen hat, dann gilt es die zuallererst zu akzeptieren und das auch zu zeigen.

Ich war natürlich schon selbst in der Situation, in der ich ein „Nein“ gehört habe und ja, ich war dadurch verunsichert und hab es gleich auf mich und meine ganze Persönlichkeit und mein Aussehen und meine Attraktivität bezogen. Aber es war gar nicht so schwer kurz durchzuatmen und anzuerkennen, dass es gerade nicht um mich geht. Stattdessen habe ich das Nein akzeptiert und gefragt, ob ich noch etwas für die Person tun kann. Hinterher war Zeit über meine Unsicherheit zu sprechen.


Wie ein Consent-Workshop das Thema aufgreifen kann

Ein Consent-Workshop könnte genau das thematisieren: Wie gehe ich damit um, wenn ich ein „Nein“ höre, Ablehnung erfahre? Wie verarbeite ich meine Gedanken und Gefühle, ohne Druck auszuüben oder den Fokus auf mich und meine Verunsicherung zu lenken? Habe ich vielleicht ein gewisses Anspruchsdenken verinnerlicht, wenn es um Nähe oder Sexualität mit meiner Partnerperson geht? Wie kann ich das abbauen?


Natürlich erkenne ich an, dass bestimmte Faktoren in einer Beziehung dazu führen können, dass man nicht so einfühlsam und offen kommuniziert wie man das idealerweise tun würde. Wir sind alle nur Menschen. Diese Faktoren dürfen aber meiner Meinung nach niemals, niemals, niemals als Entschuldigung oder Rechtfertigung dienen! Egal, ob du eine Partnerperson nicht genug getröstet hast, egal, ob deine Partnerperson einen schlechten Tag hatte oder eigene Probleme wälzt – deine körperliche Selbstbestimmung und deine Grenzen gilt es zu respektieren, Punkt. In einem Gespräch über einen Consent-Fail, der in jeder Beziehung passieren kann, darf diese Message nicht fehlen. Ein entsprechender Workshop, der Menschen dahingehend empowert, wäre ein perfekter Space, um das zu lernen.

In dieser Rape-Culture-Gesellschaft wird uns nicht beigebracht, dass ein „Nein“ selbstverständlich akzeptiert wird. Deswegen gehört es meiner Meinung nach dazu beim Consent-Thema auch darüber zu sprechen, wie man seinem Gegenüber, seiner Partnerperson zeigt, dass man das Thema ernst nimmt und die Grenze wirklich respektiert.

Schritt 0: Den Consent beim Thema Consent finden

Das klingt komplizierter als es ist. Bei diesem Punkt geht es darum im Gespräch sicherzustellen, dass man das gleiche Selbstverständnis von Consent hat. Dazu gehört auch über spezifische Herausforderungen zu sprechen, die z. B. mit Trauma zu tun haben können. Weiß mein*e Partner*in, warum ich die Frage „Was willst du gerade?“ manchmal nicht beantworten kann oder, warum ich explizit hören muss, dass meine Grenze akzeptiert wurde, wird sie*er auch sicherer in der Kommunikation mit mir. Sinnvoll ist auch die Frage: „Was brauchst du, um leichter Grenzen und Bedürfnisse zu äußern?“ Hilfreich ist zudem, wenn die*der Partner*in weiß, woran sie erkennt, dass sich die Person mit Trauma im Freeze- oder Fawn-Modus befindet. Manchmal ist das viel leichter an meiner Körpersprache abzulesen als an meinen Äußerungen. Und ebenso ist es nicht verkehrt darüber zu sprechen, in welchen Situationen kein explizites, enthusiastisches „Ja“ erfolgen muss. Hier kann sich die Vanillawelt etwas von BDSMler*innen abschneiden, die einfach schon deshalb mehr über Consent sprechen müssen, weil es so unendlich viele kinky Spielarten gibt.


Wie ein Consent Workshop das Thema aufgreifen kann

Vor der ersten Übung könnte man zwei Workshop-Partner*innen zusammen setzen und ihnen eine Liste mit Fragen geben, die sie einander stellen sollen. Die Fragen könnten sich darum drehen, auf welche Weise sie am liebsten Consent aushandeln, was ihnen schwer und leicht fällt, welche Faktoren ihnen helfen und wie eine Vertrauensbasis aufgebaut werden kann.


Fazit

Ich wünsche mir, dass mehr Empowerment- und Consent-Workshops Trauma mitdenken… oder mehr Workshops dieser Art traumatisierte Menschen in den Fokus nehmen. Ich wünsche mir eine kompromisslose, nuancierte und mutige Auseinandersetzung mit dem Thema in queer-feministischen Spaces, weil ich glaube, dass wir alle – ob traumatisiert oder nicht, davon profitieren können.

Bildquelle(n):

  • Blue face, red face: Gerd Altmann auf Pixabay

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