Eine Person hält ihre Hände gegen eine grüne Glaswand
Abuse & Trauma,  Sexismus

Ich will Grenzen setzen können!

Immer, wenn ich sexistische Übergriffe erlebe, habe ich ein schlechtes Gewissen, weil es mir schwer fällt Grenzen zu setzen. Deswegen habe ich Ideen gesammelt, wie ich mich empowern kann.


CONTENT WARNING: Grenzüberschreitung, sexuelle Belästigung, Sexismus


Eine Bilderflut in meinem Kopf. Erinnerungen an Sätze wie: „Ich will dich nicht überreden mit mir zu schlafen, ich gebe bloß Argumente“. Oder: „Dann pennen wir zusammen in einem Bett und haben keinen Sex, wäre das nicht ein Beweis dafür, dass ich dich gern hab?“ Oder: „Dir ist schon klar, dass ich heute noch versuchen werde mit dir rumzumachen?“ Oder: „Dass du meine Hand da weggemacht hast. Voll teeniehaft!“, um mir zu suggerieren, dass ich unreif sei. Einmal, als ich es bei jemandem zuhause geschafft habe „Nein“ zu sagen und gehen wollte, hatte der Typ die Tür abgeschlossen und gesagt: „Nein, du gehst nicht nachhause, es ist zu gefährlich da draußen!“. Als ich in einer anderen Situation gesagt habe: „Ich will lieber nur den Sonnenaufgang beobachten,“ behauptete mein Date das akzeptiert zu haben. Aber drei Minuten später kamen die gleichen Grenzüberschreitungen. Die Liste ist lang.

Drängeln und mir keinen Raum geben – das ist Standard. Gerade bei neuen Bekanntschaften mit Cis-Männern, die sexuelles Interesse an mir äußern, rechne ich schon damit, dass meine Grenzen gepusht werden. Manchmal fühlen sich aber auch bereits bestehende Affären oder Liebschaften nicht gut an. Denn auch da muss ich feststellen, dass nicht wirklich Raum geschaffen wird über Konsens zu reden. Weil: Der Konsens wurde schon mal festgelegt, fertig. Weil: Man redet nicht beim Sex über Sex. Weil: Während ich mit mir ringe, wie ich ein „Nein“ kommuniziere, ist er schon drei Schritte weiter. Ich erwische mich oft bei Gedankengängen wie: Wenn ich etwas sage, dann was? Wie kriege ich es hin, dass es höflich klingt? Wie fasst er das dann auf? Ist das ein Stimmungskiller? Wie geht der Abend dann aus? Wird er vielleicht sogar übergriffig? Muss ich mich dann rechtfertigen?

Diese Gedanken habe ich, weil es mir so unglaublich schwer fällt Grenzen zu setzen! Es fällt mir sehr schwer „Nein“ zu sagen. Ich brauche Raum dafür und wenn er nicht da ist, was fast immer der Fall ist, entscheidet sich mein Gehirn gewohnheitsmäßig für den „leichteren Weg“: Mitspielen, es über sich ergehen lassen, damit die „Harmonie“ aufrecht erhalten bleibt, mir einreden, dass alles gut ist und hinterher liege ich stundenlang in der Badewanne, starre ins Leere und betreibe Self-Victimblaming. In solchen Fällen finde ich mich erbärmlich, weil mir das so schwerfällt. Ich rede mir ein, dass „der perfekten Feministin“ so etwas nicht passieren würde. Dabei weiß ich eigentlich, dass es „die perfekte Feministin“ nicht gibt und ich mich nicht selbst fertig machen soll. (Und dann mach ich mich dafür fertig, dass ich mich dafür fertig mache. Es ist ein Teufelskreis.)

Vor einigen Tagen kam der Punkt, an dem ich mich gefragt habe: Wenn werde ich mich selbst verdammt noch mal ernst nehmen?! Ich will mein Herumgestottere nicht mehr hören! Ich will in diesen Situationen keine Konjunktive mehr von mir hören und kein „eigentlich“ und „na ja“. Ich will Typen abservieren und ihnen gegebenfalls in die Eier treten können, nicht mehr die Klappe halten und hinterher in Scham baden. Ich will nicht nur darauf angewiesen sein, dass ich gerade eine coole Person vor mir habe, die Fragen stellt und Raum gibt und nur ein „Ja“ als „Ja“ wertet. Diese Fälle gab es natürlich auch. Aber ich will lernen mir den Raum zurück zu holen, auch wenn die Person ihn mir eben nicht gibt.

Vor einigen Tagen kam der Punkt, an dem ich beschlossen habe gut zu mir zu sein. Ich habe mir einige Punkte überlegt, wie ich dahinkommen kann. Sie können auch anderen als Inspirationsquelle dienen. Aber es sind vor allem meine persönlichen Überlegungen.


1. Als allererstes muss ich aufhören mich selbst fertig zu machen.

Auch, wenn ich gerade wütend auf mich bin, sollte ich meine Wut auf die Typen, auf Rape Culture und Sexismus nicht kleiner machen. Ich – bin – nicht – schuld.

Ich konnte nicht lernen auf meine eigenen Grenzen zu achten. Das liegt vor allem daran, dass ein „Nein“ sehr oft schlechte Folgen mit sich brachte. Wenn Männer auf ein „Nein“ cool reagieren würden oder auf ein „Das hat mich gerade verletzt“ oder ein „Ich will nach hause“, würde ich mich sicherlich öfter trauen meine Grenzen zu kommunizieren. Trauma-bedingt bringe ich generell andere Grundvoraussetzungen mit, wenn es um Selbstbehauptung mit. Deswegen ist es ein Abwägen, welche Option wohl das kleinere Übel ist: Die Grenzüberschreitung ertragen, oder erleben, wie der Mann aggressiv auf ein „Nein“ reagiert?

2. Anstatt nur an die schlimmen Szenen zu denken, muss ich auch an die Situationen denken, in denen ich ein „Nein“ kommuniziert habe...

und in denen es mir gelungen ist, Typen abzuservieren. Das soll mich daran erinnern: Ich kann es doch! Ich hab’s schon ein paar mal hingekriegt und in einigen, leider seltenen, Fällen, war die Reaktion darauf wie sie sein sollte. Ich möchte mich an die Momente erinnern, in denen ich für mich selbst eingestanden bin – sie sollen mir Kraft geben.

3. Ich geh eine Zeit lang nichts neues mehr ein und lass alle Affären mit Cis-Männern kompromisslos fallen!

Ich zieh mich zurück, um mir neue Parameter für Beziehungen festzulegen, um mich neu denken zu können. Als ich 19 war, habe ich eine ähnliche Strategie entwickelt. Der Druck und die Moralvorstellungen meines Umfelds, was eine „gute Frau“ tut oder nicht tut, wie ein guter Partner auszusehen hat, das ganze Sicheinmischen und Sichsorgenmachen meiner Eltern hat meine sexuellen Beziehungen so stark beeinflusst, dass sich nichts mehr gut anfühlte. Also habe ich mich erst einmal zurück gezogen. Aus vergangenen Erfolgen kann man lernen!

4. Ich werde mir Raum nehmen, um mir Fragen stellen zu können.

Und zwar Fragen wie: „Was möchte ich mehr in meiner Sexualität, wovon will ich weg? Was brauche ich, um mich wohlzufühlen? Und wie traue ich mich, zu mir zu stehen?“ Diese Fragen habe ich dem Blog wirliebenkonsens.wordpress.com entnommen, aus der Ankündigung über eine Workshopreihe in Berlin. Ich bin froh auf diese Fragen gestoßen zu sein! Sonst wäre ich vielleicht nie auf die Idee gekommen sie mir zu stellen.

5. Ich beschäftige mich mit Selfcare und Empowerment

besuche einen Selbstbehauptungskurs und lerne Selbstverteidigung, knüpfe mehr Kontakte in queer-feministischen Kreisen. Und im queer-feministischen Untergrund bekomme ich ein Complete-Make-Over: Rasierklingen in toupierten Haaren versteckt, spitze Glitzersteinchenringe, die so schön wehtun, wenn man damit zuschlägt, wie in einem Musikvideo von Scream Club… ich hör ja schon auf. ;) Eine Empowerment wird reichen.

In meiner Idealvorstellung komme ich wieder als eine Person, die sich selbst wertschätzen kann, sich nicht für den „leichteren Weg“ entscheidet, sondern nach der Frage geht: „Was fühlt sich gerade für mich gut an?“. Wenn ich mir nicht sicher bin, heißt es im Zweifelsfall „Nein“, denn: „Only yes means yes“, darauf sollte ich auch bei mir selbst achten. Ich freue mich auf die neuen Sachen, die ich lernen werde, von denen ich vermutlich noch gar nicht weiß, dass es sie gibt. Ich freue mich auf das Selbstbewusstsein, die Wertschätzung, die Ruhe, den neugewonnen Platz für schöne Gedanken, die neuen Beziehungen, die mir gut tun werden und die sitzengelassenen Typen, die hoffentlich ein bisschen leiden werden.


P. S. Das sind Ideen, die ich mir erarbeitet habe, um mit übergriffigen Männern umzugehen. Ich will Selbstbehauptung lernen, weil ich mir davon verspreche selbstbewusster meine Grenzen zu kommunizieren. Aus ähnlichen Gründen besuchen viele Menschen Selbstverteidigungskurse. Es ist natürlich keine Garantie dafür, dass mir keine Übergriffe widerfahren werden. Ich will damit nicht sagen, dass es in meiner Verantwortung liegt Grenzüberschreitungen gegen mich zu verhindern. Ich bin nicht der Meinung, dass Frauen dafür sorgen müssen, dass Männer nicht sexistisch handeln – das wäre Täter-Opfer-Umkehr. Genauso wenig möchte ich suggerieren, dass nur Cis-Männer grenzüberschreitend sein können.

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Ein Kommentar

  • Gevene

    Danke! Danke danke danke für diesen Blog und diesen Artikel! Ich kannte deinen Blog bisher nicht. Was du beschreibst, ist so verständlich für mich. Vieles kenn ich selber. Aber es mal von einer anderen Person zu lesen, diese Möglichkeit findet man im Netz eher selten. Also: ein ganz großes Danke!

    „Ich will Typen abservieren und ihnen gegebenfalls in die Eier treten können, nicht mehr die Klappe halten und hinterher in Scham baden. “ Genau das! Diesen Mut (wieder)finden zu wollen, diese Stärke, weil das ne ganz schöne Kraftanstrengung ist, Grenzen zu setzen, wenn man mal scheiß erlebt hat; und es manchmal auch so schwer ist, sich davon nicht die positiven Erfahrungen überlagern zu lassen, weil es eine_n ja doch oft begleitet, gedanklich.

    Deine Tipps finde ich sehr sinnvoll. Ich hoffe, sie helfen dir, einen Weg zu finden. Gerade den ersten und den letzten habe ich für mich auch als hilfreich erlebt.

    LG

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