Feministisches Symbol
Sexismus

Wie ich zum Feminismus kam

Von Scheißtypen, Männercliquen und internalisiertem Sexismus


1. Meine erste Begegnung mit Feminismus

In der Zeit bin ich ein sechszehnjähriges Gothic-Girl, dessen größte Sorge ist, ob die Corsage sitzt und wie wohl das neue Nightwish-Album werden wird. Der „Mittlere Schulabschluss” steht an und alle tun sich für die Präsentationsprüfung in Gruppen zusammen. Eine Mitschülerin fragt, ob ich in ihre will: Thema noch unklar, irgendwas mit Frauen. Ich bin dabei. Eine Woche später steht es fest: `Die Frauenbewegung in Deutschland von der Weimarer Republik bis heute´. Ich notiere mein Unterthema: Neue, autonome Frauenbewegung und ab zur Bücherei. Wellenmodell, 68er, SDS, Tomatenwurf, „Wir haben abgetrieben”, §218, Schwarzer, PorNO… ich notiere und notiere. Ich beschäftige mich seit kaum einem Monat und eigentlich unfreiwillig damit und kann schon rumnerden.

Meine Gruppe stellt am Ende des Referats eine Diskussionsfrage: „Sind wir denn heute emanzipiert?” Die Prüferinnen schauen sich an und nicken. Ihre Blicke sagen: gute Frage. Unser Fazit ist eine Mischung aus pathetischer Dankbarkeit an die Frauenbewegungen der Vergangenheit, das Anerkennen ein paar noch bestehender Ungleichheiten, aber im Großen und Ganzen, das haben wir festgestellt, sind wir emanzipiert. Danke Feminist*innen, wir brauchen euch nun nicht mehr. Die Prüferinnen nicken. Eine glatte Eins für alle und weiter geht’s im faden Schulalltag. Aber ich merke, dass mich das Thema nicht loslässt. Das Gelernte wende ich sogar an und bleibe nicht ruhig, wenn ich etwas für sexistisch erachte. Ich habe im Freundeskreis schon den Ruf „Emanze” weg, das geht echt schnell! Den Spott in der Stimme überhöre ich.

Irgendwann wird „Frauenbewegung” noch einmal in der Schule thematisiert, so für zwei Unterrichtsstunden. Der Lehrer gibt ein ähnliches Fazit, mit Angela Merkel als Argument und es wirkt so, als hätte es nie etwas anderes als die weiße, bürgerliche Frauenbewegung gegeben.

2. Feminismus schadet meiner Beziehung

Mit 17 verliebe ich mich in den vermutlich konservativsten und arrogantesten Typen der Schule. Die nächsten zweieinhalb Jahre sind von Gaslighting geprägt. Ich definiere mich über eine Beziehung, von der ich abhängig bin, von der ich weiß, dass sie ungesund ist, aber ich bin talentiert in Selbstbetrug. Ich stoße früh an Grenzen, mein Schatzipups wirft mir vor, ich sei zu sensibel, irrational, launisch, hysterisch und nur deshalb hätten wir Beziehungsprobleme.

Da Rationalität grundsätzlich besser ist, kann ihn keine Schuld treffen. Ich bin nun mal eine Frau und Frauen sind halt so… und es ist mein Problem, wenn mich seine Ignoranz verletzt. Er ist halt ein Mann und deshalb kann er ja auch nicht anders. Wenn ich also die Beziehung retten will, muss ich lernen, eine unkomplizierte Freundin zu sein. Ende.

Dass Geschlecht ein Konstrukt ist, habe ich noch nicht herausgefunden, aber ahne, dass etwas nicht ganz stimmen kann und spreche das Thema an. Als Antwort bekomme ich biologistische Herleitungen des Männlichkeitsideals und als Beleg die todsichere Info, dass irgendwann irgendwo irgendein Typ die Antibabypille genommen hat und deshalb plötzlich heulen musste, als er ein Liebesgedicht gelesen hat. Außerdem, dass es ja auch schwule Männer gibt, mit mehr Östrogen oder „Weicheier”, die seien bestimmt emotionaler.

Dass das ziemlicher Bullshit und krass homophob ist, fällt mir natürlich auf, aber ich habe mich daran gewöhnt, dass er nicht Unrecht haben kann und wenn doch, ist das ein langer, schmerzlicher Streit, bei dem ich viel flenne und klein gemacht werde. Also gebe ich mich zufrieden.

Mit 18 schnappe ich mir aus einer Laune heraus den „Kleinen Unterschied”, weil mir das damals bei der Präsentation begegnet ist. Ich merke, wie mein Freund in viele der beschriebenen Verhaltensmuster passt, doch als ich von dem Buch erzähle, lacht er, schließlich ist allgemein bekannt, dass Alice Schwarzer doof ist, warum ist doch egal. Dass ich auch Kritik an ihr habe, aber einiges einleuchtend finde, überhört er. Ich merke, wie mir das Buch im Nacken liegt und mich deprimiert, als ich im Alltag immer wieder Parallelen finde. Also beschließe ich, dass der Feminismus mir das alles nur suggeriert, ich eigentlich glücklich bin und jegliche Beschäftigung damit schädlich für meine Beziehung ist.

3. Männercliquen: Frauenhass verbindet!

Meine Beziehung geht aber so oder so zu Bruch, nach etlichen Krisen, viel Selbstaufgabe und Geflenne. Als mein Freund das tut, was ich mich nie trauen würde, Schluss machen, befürchte ich, dass ich die nächsten Monate nur mit heulen verbringen werde. Tatsächlich dauert es eine Woche, bis ich merke, wie viel besser ich ohne ihn dran bin und einen Tatendrang spüre, wie lange nicht mehr. Die Welt gehört mir und wenn ich gefragt werde, wie es mir geht, ist die einzig treffende Antwort: „gruselig-glücklich”! Meine Beziehung zu Feminismus ändert das nicht, im Gegenteil. Ich habe eine Erkenntnis: Frauen sind scheiße.

Ich sehe die Freundin eines Kumpels, wie sie sich während einer Diskussion an ihren Pupsi schmiegt und nichts sagt. Dieser genießt es zu prahlen und von ihr bewundert zu werden. Ich verachte diese Frau für ihre Passivität und bringe mich umso mehr in die Diskussion ein, um bloß nicht wie sie zu wirken. Ich beobachte Hetero-Pärchen in meinem Umfeld und fühle mich an mich in meiner verflossenen Beziehung erinnert: unterwürfig, eifersüchtig, labil, verbittert. Ich komme zu dem Entschluss, dass diese Frauen selbst Schuld daran sind und empfinde mich als etwas besseres, da ich das alles überwunden habe. Gerne sitze ich in Männerrunden und ziehe mit ihnen über Frauen her, dass die alle so furchtbar zickig und überempfindlich sind. Und prüde außerdem auch, dass weiß ich von ihren Erzählungen.

Ich fahre die Kumpeline-Schiene, inszeniere mich als promiskuitiv, spontan und unkompliziert, als Lausebengel zum Pferde stehlen, Saufkompanin. Das Gegenteil von mir, wie ich damals war. Meine Formel scheint aufzugehen: Ich werte mich auf, indem ich mich den Männern anpasse und andere Frauen, die sich nicht so „emanzipiert” haben, verachte. Ich häng nur noch mit Kerlen rum und mein internalisierter Sexismus macht mich unglaublich beliebt! Mit mir kann man halt einfach alles: rumgrölen, über geile Ärsche reden und sogar sexistische Witze reißen!

Einer meiner Freunde meint sogar, er würde sich erst so gut mit mir verstehen, seit ich das mit dem Feminismus sein gelassen habe. Das gibt mir Bestätigung.

4. Die „Schlampe“ hat die Schnauze voll

Doch mein schillerndes, sorgenloses Leben „nach dem Ex“ bekommt allmählich Risse. Als ich mit einem Kumpel übers Festivalgelände spaziere, Festivalbesucher*innen im Stillen anschmachte oder direkter anflirte, kommentiert er das abfällig: „Du hast es ja mal wieder dringend nötig!“, was er den Typen aus der Clique nie sagen würde. Ich finde mich in der Situation wieder, mich dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich so unverschämt offen zeige, wenn ich Menschen anziehend finde. Die Scham, die ich plötzlich fühle, kann er nicht verstehen. Das zweite mal muss ich stutzen, als mich mein damals bester Freund aus Spaß anfängt „Flittchen“ zu nennen: Als mich seine Sexstorys nicht beeindrucken und er das als Eifersucht wertet, lache ich und erzähle von meinen Storys, nach dem Motto: Keine Sorge, bin schon bedient! Das einzige, was ihm dazu einfällt ist „Flittchen“, was ich zunächst harmlos finde.

Als „Flittchen“ mein neuer Kosenamen wird und in Gegenwart anderer fällt, die mich dann teilweise auch so nennen, bitte ich ihn damit aufzuhören. Doch er versteht das als Aufforderung noch einen drauf zu setzen. Erst nach einem nervigen ernsten Wörtchen sieht er es ein. Das ist ein Bilderbuchbeispiel für die Heilige-Hure-Dichotomie: Um bloß nicht eine von den „prüden Frauen“ zu sein, gehe ich genauso offen mit dem Thema Sexualität um, wie die Kerle, doch ehe ich mich versehe, werde ich zur Schlampe gemacht. Ein Seiltanz, der nicht zu meistern ist. Als ich in der Uni öfter Gender-Themen begegne, nehme ich mir vor, da mal reinzuschauen.

Doch leider ist die Initialzündung eine andere: Dieser Typ, der mich, als ich nackt neben ihm liege, „humorvoll“ damit aufzieht, dass ich „eh mit jedem penne“ und „sowieso immer rattig bin“. Er hat sein Bild von mir als die Schlampe schlechthin aus Vorurteilen, dem Getratsche und meinen, wenigen Erzählungen zusammengeschustert. Das lasse ich über mich ergehen, schließlich bin ich ja unkompliziert und so und will eh nur Sex von ihm… Doch als ich meinen Pyjama anziehen will, haut er raus: „Wieso ziehst du dich an? Was, wenn ich Lust bekomme während du schläfst?“ Dass mich dieser unglaublich objektifizierender Kommentar und Rape-Joke, verletzt hat, kann ich nun nicht mehr verstecken. Ich überwinde mich und spreche es an, doch er dreht sich beleidigt weg, denn er dachte, ich sei eine von den „coolen Frauen, die mit seiner Art klar kommen“. Ich bleibe allein mit meiner Scham und Wut.

Ich muss immer wieder an diesen Abend denken und stelle fest, dass die Rolle der unkomplizierten Kumpeline oder Affäre, nur zur Folge hatte, dass meine Rolle groß, ich jedoch ziemlich klein wurde. Und als ich tatsächlich was gesagt habe, wurde mir meine Verletztheit abgesprochen. Ich habe meine Emotionen immer wieder abgewertet, verdrängt, beschissene Kommentare, nicht konsensuelles und übergriffiges Verhalten geduldet, um bloß nicht die nervige „Zicke“ von früher zu sein.

Meine Rolle hat mich zwar beliebt gemacht, allerdings nur, weil ich der Logik gefolgt bin, dass eine coole, begehrenswerte Frau „über so was“ drüber steht, Feminismus nicht nötig hat. Es braucht eine Weile, bis ich reflektiere, dass ich kein Recht habe über andere Frauen zu urteilen, dass sich das internalisierter Sexismus nennt.

Es dauert, bis ich verstehe, dass hinter Abhängigkeit in Beziehungen Macht steckt, die aus patriarchalen Geschlechterverhältnissen resultiert, dass es das Patriarchat ist, das Emotionalität abwertet, und Frauen in eine passive Rolle drängt. Als ich meiner Clique erzähle, dass ich mich mehr mit Feminismus beschäftigen will, kommentieren sie: „Ach, mach dir nichts draus, jeder entwickelt sich mal zurück!“

Es macht mich traurig, weil ich trotz der blöden Vorfälle noch nie zuvor eine Clique hatte, mit der ich so viel Quatsch unternehmen konnte. Ich lass mir all die Situationen durch den Kopf gehen, jede Fremdzuschreibung, Erniedrigung, Bevormundung, Objektifizierunmg, Grenzüberschreitung, … und all das, was in diesem Text keinen Platz finden konnte und habe genug Wut gesammelt, aber auch genug Empowerment und Tatendrang, um dort weiter zu machen, wo ich mit 16 aufgehört habe.

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